Perus Great Divide

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Asphalt oder Schotterpiste? Zum Glück entschied ich mich für letzteres. Von Huancavelica bis nach Huaraz folgte ich der Great Divide Perus, die trotz aller Anstrenung – oder vielleicht gerade deswegen – ganz weit oben in meiner Rangliste an Routen steht. (Mehr zu der Route gibt’s auf www.andesbybike.com).

Über 800km und mehr als 20.000 Höhenmeter, etliche Pässe bis zu 5000m Höhe und tiefe steile Täler mit anschließenden endlosen Anstiegen führten zu einer berechtigten Nervosität. Andere Radler betonten immer wieder, dass ein leichtes Rad unabdingbar wäre. Dementsprechend zweifelte ich ob, dass mit meinem schwer beladenen Fahrrad die richtige Entscheidung war, schließlich hätte ich auch die deutlich einfacheren asphaltierten Straßen nehmen können. Doch die Einsamkeit und Abgelegenheit der Route meiner Wahl reizte mich deutlich mehr.

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Diese Steinkreise gibt es den Anden überall. Eigentlich als Zäune für Schafe, Lamas und Alpacas gedacht, nutze ich sie häufig als Campingplatz.

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Der erste Pass war trotz 4700m Höhe nur halb so wild und mit zusätzlicher Motivation ging es schnell wieder hinab in ein Tal zurück auf 3600m, nur um unmittelbar über die nächsten Serpentinen den nächsten 4500m Pass hinaufzuschleichen. Das sollte das Programm der nächsten Wochen werden: Pass, Tal, Pass, Tal… Flache Abschnitte gab es nicht wirklich und wenn dann nur für wenige Kilometer.

Dennoch hatte ich mich schnell an die langsame  Kletterei gewöhnt, auch dank der überraschend eher guten Straßenverhältnisse und auch die Steigungen waren weniger schlimm als angenommen. Nur wenige Male wurde der Schotter so lose und die Straße so steil, dass ich Absteigen und für einige wenige Meter schieben musste.

Nach dem zweiten Pass erreichte ich das Dorf Acombabilla, wo ich mich nicht nur für zwei bis drei Tage mit Essen  eindecken musste, sondern auch meine Benzinflasche meines Kochers auffüllen wollte. Doch der Plan ging nicht so einfach auf. Es fühlte sich eher nach einem Geisterdorf an und ich konnte zunächst keinen Laden finden. Die einzige Person, die ich auf der Straße antraf, ein Fußball spielender Junge, zeigte mir schließlich an welcher Haustür ich klopfen musste. Das Essensproblem war also gelöst, doch die Frau des kleinen Ladens erklärte mir, dass so gut wie sämtliche Dorfbewohner in ein Nachbardorf gefahren sind, da dort heute ein Fest stattfindet. Na toll, Benzin konnte ich dort also nicht kaufen. Der Rest der Flasche musste also reichen. Obwohl Wasser in der Höhe bei deutlich niedrigen Temperaturen anfängt zu kochen, benötigt man trotzdem mehr Brennstoff. Vor allem Nudeln brauchen Ewigkeiten zum garen.

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Der Pass nach Acombabilla fühlte sich nicht mehr so einfach an. Wahrscheinlich dank des extra Gewichts von Essen und Wasser. Ich schaffte es dennoch fast bis zum Hochpunkt, wo ein Steinkreis einen perfekten Zeltplatz bot. Ich hatte den ganzen Tag kein einziges Auto oder Menschen zu Gesicht bekommen, doch gerade als ich angefangen hatte mein Zelt aufzubauen, stoppte kurz ein LKW und ließ einen einzelnen Peruaner inklusive fünf Reissäcken zurück. Ich war etwas verdutzt, denn um mich herum war nichts als Pampa und ein paar Alpacaherden. Dem Mann allerdings ging es scheinbar genauso wie mir und wunderte sich wohl was der Gringo mit seinem Fahrrad dort mitten im Nichts macht. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass sein Haus hinter einem der nächsten Hügel liegt und ein Freund gleich vorbeikommt, um ihm mit den Reissäcken zu helfen. Wahnsinn an was für abgelegenen Orten noch überall Menschen leben.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt guckte, überraschte mich eine weiße Landschaft und sogar auf dem Zelt lag etwas Schnee. Das erste Mal, dass ich im Schnee zeltete auf dieser Reise. Wie aus dem Nichts tauchte eine Peruanerin auf, vermutlich die Frau von dem Mann am Vortag. Sie konnte es gar nicht glauben, dass ich nicht erfroren bin in der Nacht und lachte amüsiert über mein Zelt. Ein paar Minuten später fuhr wieder LKW vorbei, der die Frau einsammelte, um nach Huancayo, der nächsten Stadt, zufahren. Es sollte auch wieder das einzige Auto des Tages bleiben. Während der Schnee schmolz, machte mich weiter durch die einsame Landschaft.

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Das erste Mal Schnell auf meinem Zelt.

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Campingplatz gefunden. Letzten Sonnenstrahlen genießen.

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Nach einer Serie von einigen Pässen folgte am nächsten Tag der Punta Pumacocha, mit 4930 einer der höchsten Pässe der Route und für mich der schönste Pass. Vorbei an einigen Lagunen ging es relativ steil bergauf, doch zum Schieben zwang mich letztendlich der Zustand der ‘Straße‘, große Steinbrocken und loser Schotter machten es unmöglich weiter zu radeln. Irgendwie schaffte ich es dennoch hinauf und wurde von einem umwerfenden Ausblick belohnt. Noch unglaublicher war jedoch der Blick hinunter auf die andere Seite des Passes, wo sich die Straße in zahllosen Serpentinen einen steilen Schutthang hinunter schlängelte. Kaum zu glauben, dass hier überhaupt sowas wie eine Straße existiert. Der einzige Grund ist vermutlich die Mine, die ich am Vortag passiert hatte.

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Kurze Pause vor dem Pass.

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Was eine Straße!

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Kurz vorm Punta Pumacocha

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Während den 2000 Höhenmeter bergab wurde es wärmer und wärmer und im Tal war die Straße sogar asphaltiert, allerdings nur für 20 Kilometer. Dann hatte ich wieder meinen geliebten Schotter unter den Rädern und bergauf ging es natürlich auch wieder umgehend. Nach einem ganzen Tag bergauf radeln, befand ich mich schon wieder auf über 4000m. Die Kulisse war dabei mal wieder spektakulär und führte mich vorbei an einer ganzen Serie von Lagunen, die allesamt mit beeindruckenden Wasserfällen verbunden waren.

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Irgendwann endete jedoch die Straße. Um zum nächsten Abschnitt zu gelangen, standen mir 7 Kilometer Wanderweg bevor. Das Ganze war letztendlich weniger kompliziert als gedacht, obwohl ich 60 Prozent des Weges schieben musste und zwei Mal alle Taschen vom Rad nehmen musste, um meinen kompletten Kram ein paar Meter über Felsblöcke zu tragen. Das größte Problem waren eigentlich die Vorderradtaschen, die wegen der vielen Felsen und es unebenen Bodens  regelmäßig vom Gepäckträger flogen. Am Beginn der Schotterpiste waren Bauarbeiter gerade fleißig damit beschäftig die Straße zu verlängern.  Angeblich soll in vier Monaten schon die Straße fertig gestellt sein, dann wird das Stück für Radler deutlich einfacher sein.blog-31-von-87

7km Wanderweg. Nicht immer passte das Rad samt Taschen auf den Weg.

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An jenem Abend hatte ich gerade mein Zelt aufgebaut, als es plötzlich anfing zu stürmen, gewittern und hageln, als würde die Welt untergehen. Mein Zelt war durch einige haushohe Felsblöcke  zum Glück halbwegs geschützt. Doch nach einer viertel Stunde musste ich dennoch raus, um das Zelt von dem Gewicht der Hagelkörner zu befreien. Auf dem Boden lagen mittlerweile schon fast 20 Zentimeter..

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Es ging weiter wie zuvor und nach zwei weiteren Pässen erwartete mich die Carretera Central, die Hauptverkehrsstraße von Lima durch die Anden in den Osten des Landes. Dementsprechend war auch der Verkehr. Ein LKW nach dem anderen auf der gerade mal zweispurigen Straße ohne jeglichen Seitenstreifen. Nach den anderthalb autofreien Wochen, war das definitiv ein Schock für mich und war definitiv meine grausamste Straße Perus.

Nach den 20 Kilometer war der Schrecken jedoch vorbei und ich konnte endlich wieder in die Einsamkeit abbiegen, wo wieder ein Pass nach dem anderen auf mich wartete. Die langen Anstiege machten mir nun trotz des schweren Rades nicht mehr allzu viel aus und ich die atemberaubende Landschaft zog mich immer weiter in den Bann.

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Letzter Pass vor der Carretera Central

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Ich würde echt gerne wissen wie viele Serpentinen auf der Great Divide sind.

blog-45-von-87 blog-47-von-87Gewitter im Anmarsch.

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Und am morgen nach dem Gewitter.

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Fantastischer Sonnenuntergang auf 4700m.

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Kein schlechter Platz zum Aufwachen und Frühstücken.

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Doch auch die herzliche Gastfreundschaft der Menschen in den vielen kleinen Bergdörfern wird mir in Erinnerung bleiben. In Rapaz, wo ich eines Morgens eigentlich nur ein bisschen Brot kaufen wollte, um über den nächsten Pass zu kommen, fand zufällig gerade ein mehrtägiges Fest zu Ehren der Santa Rosa statt. Schon auf dem Dorfplatz wurde ich von der Dorfblaskapelle eingeladen mit Chicha de Jora zu trinken. Ein Getränk aus fermentiertem Mais, Früchten und wer weiß was noch. Angeblich war das Getränk schon in den präinkaischen Kulturen heilig und wir noch heute bei Festen in ganz Peru konsumiert. Der erste Becher schmeckte so naja, doch im Laufe des Tages wurde das Zeug doch noch genießbar.

Anders als geplant bin ich aus dem Dorf nicht mehr so schnell weggekommen. Auf der Suche nach Brot, meinten ein paar Jungs, ich solle mit zu ihrem Haus kommen, dort gäbe es Brot. Ich erwartete sie würden mich zu einem Laden führen, doch in ihrem Haus erwartete mich die ganze Familie und wenige Minuten später hatte ich nicht nur ein weitere Glas Chicha in meiner Hand, sondern auch einen ganzen Teller Mittagessen, Reis und Hühnchen. Nach den üblichen Gesprächen über meine Reise, wurde ich kurzer Hand überredet, bis zum nächsten Tag zu bleiben, um das Fest im Dorf mitzuverfolgen.  Den Pass hätte ich eh an dem Tag mit der Verzögerung eh nicht mehr geschafft.

Musikgruppen liefen den ganzen Tag durch die Straßen und von Haus zu Haus, spielten Musik, tanzten und tranken jede Menge Chicha, Bier und Schnaps. Nachmittags wurden zwei Statuen der Santa Rosa in der Kirche geschmückt und anschließend weiter getanzt. Großartig mal ein näheren Einblick in das Dorfleben zu kriegen, vor allem dank meiner unglaublichen Gastfamilie. Danke! Den Tag in Rapaz werde ich nicht vergessen.

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Meine Gastfamilie in Rapaz. Muchas Gracias por todo otra vez!

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Chicha de Jora trinken mit meinen neuen Freunden

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Rapaz

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Dorfbewohner in traditioneller Kleidung.

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Mit einem Tag Verspätung radelte ich also weiter Richtung Abra Rapaz, vorbei an einer riesigen Mine. Unheimlich wie der Bergbau selbst auf knapp 5000m noch die Landschaft verändert. Einziger Vorteil für mich, durch die Minen sind die Straßen meist in einem relativ gutem Zustand.

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Peruanische Gastfreundschaft. Eigentlich wollte ich einem Steinkreis in der Nähe Hauses zelten. Doch die Familien bestand darauf in einem Bett im Haus zu schlafen.

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So kocht man in den peruanischen Anden.

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Nach zwei weiteren Pässen folgte ein 80 Kilometer langer Downhill, von 4500 auf 1300, der tiefste Punkt der ganzen Route. Es wurde wärmer und wärmer, die Vegetation änderte sich rasend schnell, bis ich mich in einem tiefen engen Canyon befand. Während der langen Abfahrt dachte ich die ganze Zeit mit grauen daran, dass ich anschließend fast alle Höhenmeter auch wieder bergauf fahren musste.

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Im Canyon.

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 Auf 1300 Metern überquerte ich den Fluss, campte eine Nacht so tief wie seit Ewigkeiten nicht mehr, um am nächsten Morgen  den letzten langen Anstieg in Angriff zu nehmen. Vorbei an Kakteen und über unendlich viele Serpentinen schaffte ich 2000 Höhenmeter. So viel geschwitzt hatte ich seit den Yungas in Bolivien nicht mehr. Ich sehnte mich zurück an die frische Luft in den höheren Lagen.

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Der letzte lange Anstieg.

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Die Gruppe war dabei, die Straße zu säubern, also alle großen Steine und Unebenheiten zu beseitigen. Einen Monat zuvor ist auf der Straße ein Minivan verunglückt und mehrere hundert Meter in das Tal gestürzt.

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Ich kam so spät und vor allem erschöpft in einem Dorf an, dass ich zur Belustigung der Dorfbewohner mein Zelt einfach mitten auf dem Plaza aufstellte. Es hatte den Vorteil, dass ich morgens umgehend zum Frühstück eingeladen wurde. Frühstück in den Dörfern besteht meistens hauptsächlich aus Pellkartoffeln, ein bisschen Käse, Eier und Porridge, das so dünn ist, dass man es trinkt.

So gestärkt ging es weiter hinauf, bis ich mich wieder auf über 4000m befand, von wo es nicht mehr weit bis zur asphaltierten Hauptstraße war. Dem fieberte ich schon die ganzen die letzten Tage entgegen. Nach drei Wochen auf der Great Divide brauchte ich eine Pause. Trotzdem war ich so froh, die Route, trotz meiner anfänglichen Bedenken, geradelt zu haben. Es war definitiv einer der besten Rides in Südamerika soweit.

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Zelt auf dem Plaza. In den Bergdörfern kein Problem.

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La Cordillera Huayhuash.

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