Chile: Kakteen, Wüste und ein langer Weg bergauf

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Ich hatte keinen Plan, wo ich die nächste Nacht verbringen würde, als ich in Los Andes, die erste Stadt nach der Passüberquerung von Argentinien, ankam.

Auf der Suche nach einem offenen Wlan, um meine Emails und eine eventuelle Antwort von einem Warmshowers Host zu checken, fand ich einen Fahrradladen. Ich brauchte einen neuen Helm, nachdem mein Alter auf einem Campingplatz ein paar Wochen zuvor verschwunden ist. Einer der Verkäufer, Jaime, war ziemlich interessiert in meine Reise und da es fast Zeit für Siesta war, lud er mich einfach zum Mittagessen in ein günstiges Restaurant ein. Währenddessen bekam ich eine Zusage von Christian, einem Warmshowers Host in San Felipe, das nur etwa 15km entfernt ist. Allerdings musste er bis 20 Uhr arbeiten. Jaime bot mir an solange in seinem Hause zu warten und vor allem zu duschen – die Erste in zehn Tagen. Herrlich, diese unkomplizierte Gastfreundschaft.

Christian war ein weiterer großartiger Gastgeber und besorgte für meinen Geburtstag sogar einen Kuchen. Mein erstes Geschenk bekam ich allerdings von Mutter Erde. In den ersten Stunden meines neuen Lebensjahres, ich lag schon im Bett, wackelte mein Bett für ein oder zwei Sekunden. Es dauerte einen Moment bis realisierte, was der Grund dafür war. Ein Blick ins Internet bestätigte meine Vermutung, es war ein leichtes Erdbeben. Klar, ich bin schließlich in einer der seismisch aktivsten Gebiete der Erde. Über 1500 Beben verzeichnete eine Internetseite im letzten Jahr in Chile, fast alle sind zum Glück so schwach, dass sie keinen Schaden verursachen. In den nächsten Tagen sollte ich noch einige weitere Erdbeben zu spüren bekommen. Einmal sprach ich gerade mit ein paar Locals, als die Erde wackelte, während ich erstaunt um mich blickte, ignorierten die Locals es fast vollkommen.

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Nach San Felipe hatte ich die Wahl. Entweder schnell und einfach über die Ruta 5, die auch als Panamerican Highway bekannt ist, entlang der Küste nach Norden. Eine zwei spurige Autobahn klang allerdings nicht so spannend und so entschied ich mich für kleine Straßen durch die Berge. Die Landschaft änderte sich mal wieder und es war nun klar, dass ich langsam näher Richtung Äquator komme. Das erste Mal in meinem Leben war ich umgeben von Kakteen, teilweise waren diese bis zu drei Meter hoch. Obwohl ich die Landschaft ziemlich cool fand, war ich nicht wirklich motiviert zu radeln. An einigen Tagen saß ich mehr mit einem Buch neben der Straße, als auf dem Sattel. Aber warum auch nicht? Ich hatte keinen Grund schneller zu sein.

Es war ziemlich bergisch und es ging viel auf und ab, dazu gab es einige Tunnel, die bis zu 1,5 km langen waren. Ohne Licht und nur einspurig hoffte ich jedes Mal nicht auf Gegenverkehr zu treffen, da die Tunnel gerade mal breit genug für ein Auto waren. Zum Glück war der ganze Abschnitt sehr wenig befahren und ich bekam keine Probleme.

Nach ein paar Tagen erreichte ich Coquimbo, für mich die größte Stadt in einer ganzen Weile und es dauerte etwas bis ich mich an den Stadtverkehr gewöhnt hatte. Es bestätigte sich mal wieder für mich, dass es besser ist Großstädte mit dem Fahrrad zu meiden. Nicht nur wegen dem Verkehr. Wie schon die meisten anderen südamerikanischen Städte fand ich Coquimbo alles andere als spannend und schön. Meine Warmshowers  Hosts waren allerdings mal wieder klasse. Ich kam in einer Studenten WG unter, was mich an zu Hause erinnerte und ich hätte dort noch einige Tage länger bleiben können, aber die nächste Herausforderung wartete auf mich.

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Coquimbo

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Unter der Autobahn – Ruta 5

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Eine Seite der Autobahn hatte ich nur für mich

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Irgendwie musste ich zurück nach Argentinien. Auch wenn die Grenze nie weit weg ist, die Anden machen ein solches Vorhaben etwas schwieriger. Ich wählte den Paso de San Francisco. Dazu musste ich jedoch noch 350km weiter in den Norden nach Copiapo. Mangels Alternativen blieb mir diesmal nichts anderes übrig als vier Tage über die Ruta 5 zu radeln. Wie auf deutschen Autobahnen  sind Fahrradfahrer dort eigentlich nicht erlaubt, was große Schilder an den Auffahrten anzeigen. Jedoch hatten mir einige Locals vorher bestätigt, dass es niemanden stören würde. Also ignorierte ich die Schilder gekonnt und es störte tatsächlich niemanden. Eigentlich war es, dank eines durchgehenden breiten Seitenstreifens, sogar eine der sichersten Straßen zum Radeln. Auf einem Abschnitt von 30 oder 40 Kilometer wurde der Verkehr wegen Straßenarbeiten auf die andere Seite umgeleitet. Die Bauarbeiten waren allerdings schon so gut wie fertig und ich nutzte einfach die gesperrte Seite, was das Radeln nochmals vereinfachte. Die Vegetation verschwand nun fast komplett und es war offensichtlich, dass ich die südliche Atacama erreicht hatte.

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Copiapo

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Copiapo war die letzte Stadt und die letzte Gelegenheit zum Einkaufen, bevor es für mich über die Anden zurück nach Argentinien ging. Der nächste Ort war 450km weit weg, ich musste also ordentlich Essen einpacken. Mit einem Vorrat für über eine Woche startete ichaufgeregt in Richtung Berge. Ich fragte mich vor allem wie ich auf die Höhe reagieren würde. Zunächst führte es nur sehr langsam bergauf und mit einem recht starken Rückenwind, war es alles anderes als anstrengend. Am zweiten Tag schaffte ich es bis auf 3300 Höhenmeter. Dort ging mir mein Wasser aus, doch ich hatte schon vorher von einer Mine gehört, wo ich meine Flaschen wieder auffüllen könnte. Erleichtert war ich, als ich Gebäude sah, doch dort angekommen, stellte sich heraus, dass die Häuser verlassen waren. Verdammt, dachte ich. War die Information aus dem Internet schon so alt? Mir blieb nichts anderes übrig als weiterzuradeln. Zwei Kilometer später kam ich zu einem weiteren Gebäudekomplex und diesmal war dieser zum Glück bewohnt. Meine Flaschen wurde mir natürlich aufgefüllt und außerdem bekam ich den Ratschlag im Windschatten eines der Gebäude zu zelten. Es war schon ganz schön windig und sollte es wohl angeblich schneien. Ich wollte sowieso eine Pause machen und überlegte, ob ich noch weiter radeln sollte oder nicht. Nach zwanzig Minuten kam einer der Sicherheitsleute zu mir und meinte er hätte mit seinem Chef gesprochen und ich könnte in einem der Gebäude schlafen.

Kurze Zeit später rollte ich mein Rad in ein leeres Zimmer für die Minenarbeiter. Es war wie in einem Hotel. Ich hatte eine warme Dusche und ich konnte sogar in der Kantine essen. So einen Luxus hatte ich auf dem Pass eigentlich nicht erwartet, aber die Einladung wollte ich auch nicht ablehnen und es war auch mal ganz interessant zu sehen wie die Minenarbeiter so leben.

Ich nutzte die Möglichkeit zu einem reichlichen Frühstück, denn der nächste Abschnitt sollte der Anstrengendste des ganzen Passes sein. Von 3300 ging es relativ schnell auf 4300 hoch. Während des letzten Abschnittes wurde es steiler und ich begann schließlich die Höhe zu merken. Mein Atem wurde schneller, mein Puls hämmerte und ich bekam Kopfschmerzen. Mein Körper war definitiv noch nicht ausreichend akklimatisiert. Ich war froh als ich den Hochpunkt erreichte und schnell wieder auf 3800 zum Salar de Maricunga runterfahren konnte. An der Chilenischen Grenzkontrolle stoppte ich für den Tag, obwohl es noch recht früh war, aber ich wollte meinem Körper noch ein wenig Zeit geben, sich an die Höhe zu gewöhnen.

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Die Kopfschmerzen waren am nächsten Morgen verschwunden, genauso wie die Wolken und der Wind vom Vortag. Die Landschaft war unbeschreiblich und schien aus einer anderen Welt zu sein. Mit Hochgefühlen fuhr ich vorbei an einigen 6000ern auf 4300 hoch. Mittlerweile hatte der starke Wind wieder eingesetzt und als ich eine kleine 4qm Hütte für Baumaterialen für die Straßenarbeiten fand, beschloss ich die Nacht dort zu bleiben. In dem starken Wind und ohne natürliche Windschutzmöglichkeiten, wäre es ziemlich kompliziert geworden, mein Zelt aufzubauen. Aus zwei Brettern in der perfekten Größe und zwei Betonklötzen baute ich mir ein Bett, worum ich wirklich froh war. Sobald es dunkel geworden war, raschelte es überall in der Hütte und mehrere Mäuse rannten um meinen Schlafplatz umher.

Ich wachte früh auf und es war verdammt kalt. So kalt, dass das Wasser in meinen Flaschen gefroren war. Nach einem warmen Frühstück dauerte es immer noch Ewigkeiten bis die Sonne rauskam und es endlich warm wurde. Es ging weiter in der unglaublichen Landschaft. Ich passierte den Cerro Ojos de Salados, der höchste aktive Vulkan der Welt und der zweit höchste Berg in Südamerika. Nach einem Anstieg auf 4600 fuhr ich wieder etwas bergab zur Laguna Verde. Ich konnte es kaum glauben, dass das Wasser eine solche grüne Farbe hatte. So ein krasser Kontrast zu den rot braunen Farben der Berge. In einem Refugio traf ich auf Eduardo, ein chilenischer Bergführer und Andre aus Deutschland. Die beiden wollten ein paar Tage später auf den Ojos de Salado klettern. Zu meinem Glück hatte sie mehr als genug essen dabei und luden mich zu Abendessen und Frühstück ein. Ich genoss vor allem die Gesellschaft, nach den einsamen Tagen zuvor.

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Cerro Tres Cruces – alle drei Gipfel sind über 6000m

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mein Wasservorrat

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Ojos de Salados 6893m – höchste aktiver Vulkan der Welt und zweit höchster Berg Südamerikas

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Laguna Verde

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Das Refugio an der Laguna Verde

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Heiße Quellen

blogchile (51 von 62)Guide Eduardo, Andre und zwei chilenische Bergesteiger

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Endlich oben

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Nach zwei Nächten über 4000m war ich mehr als ausreichend akklimatisiert und während ich die letzten Kilometer zum Hochpunkt des Passes radelte, hatte ich keinerlei Probleme mit der Höhe, abgesehen davon, dass es natürlich anstrengender ist als auf Normalhöhe. Nur der extreme Seitenwind war nervig. Als ich nach sechs Tagen endlich mein Ziel auf 4730m erreichte war ich mehr als froh und vor allem erleichtert, dass es alles ohne wirkliche Probleme geklappt hat. Mit dem Wissen, dass es nun für über 150km bergab ging, genoss ich die Pause und das Panorama.

Es folgte wohl der längste bergab Abschnitt meiner Reise. Ich schlief noch eine Nacht in einem Refugio, bevor ich endlich wieder die Zivilisation erreichte. Vor allem auf was anderes zu essen freute ich mich tierisch, doch als ich in Fiambala ankam, war Sonntag und alle Geschäfte hatten zu. Verdammt, so musste ich mich wohl oder übel noch einen Tag gedulden. Von Fiambala beginnt der letzte Abschnitt in Argentinien für mich, bevor es hoch auf das Altiplano geht. Ich bin gespannt.

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Eines der vielen Refugios auf argentinischer Seite des Passes…

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…und innen drin

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