Ruta 40 und über die Anden

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Mit aufgefüllte Essens und Wasservorrat verließ ich Las Lajas  in die Weite von Ruta 40. Viele nach Süden fahrende Radler, die ich getroffen hatte, haben diesen Teil Argentiniens mit dem Bus übersprungen. Angeblich wäre es viel zu langweilig zum Radeln. Das kam für mich nicht in Frage. Einerseits will ich jeden möglichen Kilometer radeln und außerdem glaubte ich nicht, dass es tatsächlich so schlimm sei. Schließlich hatte ich in Australien auch über 3000km eintöniges Outback durchquert, ohne dass mir allzu langweilig wurde.

Die Ruta 40, beziehungsweise Ruta Quarenta in Spanisch, ist Argentiniens längste Straße und sogar eine der längsten Straßen der Welt. Vom südlichen Patagonien reicht sie bis an die Grenze von Bolivien.

Sobald ich die Stadt verlassen hatte war ich umgeben von nichts. Es war so trocken wie es nur geht, staubig, felsig und wenig Vegetation. Für manche Leute mag es langweilig oder eintönig sein, doch mich faszinieren solche Landschaften immer wieder. Vor allem die scheinbar endlose Weite, wenn man die Straße für Kilometer sehen kann, bis sie schließlich am Horizont verschwindet.

Ein Rückenwind verlieh mir zusätzlich Hochgefühle, doch leider nicht all zu lange. Nach etwa 50km drehte der Wind und ein Gegenwind zwang mich zu 10km/h im Durchschnitt. In dem Moment bemerkte ich zudem, dass ich mich meinem Wasservorrat verschätzt hatte. Ich war es nicht mehr gewöhnt in einer solch trockenen Gegend zu sein, so war Wasser in den vorherigen Monaten nie ein Problem und alle paar Kilometer gab es eine Möglichkeit Wasser aufzufüllen. Meine Karte zeigte einige Flüsse, doch waren diese natürlich alle ausgetrocknet. Zum Glück gab es noch ein wenig Verkehr. Bevor ich jedoch selbst ein Auto stoppen musste, hielt eine Familie neben mir von selbst. Vater und Sohn stiegen aus, um mich über meinen Trip auszufragen, während sie einen Liter Bier teilten. Der Vater fuhr übrigens anschließend weiter, was mein Vertrauen in argentinische Autofahrer nicht gerade verbesserte. Ohne zu fragen, boten sie mir an meine Flaschen mit kaltem Wasser aufzufüllen und gaben mir sogar noch Brot mit auf dem Weg. Sehr schön wie sich Probleme, dank netter Menschen, häufig von selbst lösen. Der Wind nahm allerdings eher zu als ab und ich suchte mir bald einen Platz zum campen, was in dieser endlosen Gegend mehr als einfach ist.

 

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Lange Strecken zwischen den Orten auf der Ruta 40.

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Mittagpause – es ist allerdings nicht immer einfach ein schattiges Plätzchen zu finde.

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Der nächste Ort war Chos Malal, was auf der Hälfte der 5000km langen Ruta 40 liegt. Außerdem musste ich meine zweiseitige Argentinien Karte endlich umdrehen, was hieß, dass ich die Hälfte des neunt größten Land der Erde durchquert hatte. Nochmal die gleiche Distanz und ich bin schon in Bolivien.

Ich verließ die Ruta 40 für zwei Tage, um über eine Schotterpiste an dem Vulkan El Tromen vorbeizuradeln. Nach wenigen Kilometern stoppte mich die Polizei und versucht mich zum Umdrehen zu bewegen. Angeblich wäre es nicht möglich die Schotterpiste mit dem Fahrrad zu befahren, sondern nur mit Geländewagen. Das glaubte ich natürlich nicht, im Schlimmsten Fall müsste ich halt ein bisschen schieben. Nachdem ich den beiden erklärte, dass ich genügend Essen und Wasser dabei, sodass ich später ohne Probleme zu kriegen umkehren könnte, ließen sich mich weiterziehen. Allerdings fragte ich mich schon, was mich noch erwartet. Letztendlich war die Straße alles andere als schlecht und ich musste keinen Meter schieben. Es war ein stetiger aber nicht steiler Anstieg auf 2200m, wo es vorbei an einer Lagune und dem Vulkan ging. Nur ein paar Gauchos, die sich um ihre Schafe und Ziegen kümmerten, ritten an mir vorbei. An einer kleinen Hütte fragte ich nach Wasser. Der Bewohner war offensichtlich so glücklich darüber unerwartete Gesellschaft zu haben, dass ich direkt in den kleinen und einzigen Raum der Hütte eingeladen wurde. Es gab nur ein Fenster, dafür mit einem großartigen Blick auf den Vulkan. Leider hinderte mich mein immer noch schlechtes Spanisch daran eine längere Unterhaltung zu führen, obwohl ich ihm gerne noch mehr Fragen gestellt hätte.

 

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Chos Malal – die Mitte der Ruta 40

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El Tromen

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Er half mir mit Wasser und frischen Trauben aus.

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Eine Tarantula. Das Vieh saß mitten auf der Straße. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie mehr oder weniger ungefährlich sind.

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Camplife

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Vor Mendoza hatte ich die Wahl. Entweder einen Umweg über San Raphael über eine komplett asphaltierte Straße fahren oder den kürzeren direkten Weg über eine 150km Schotterpiste nehmen. Ich entschied für letzteres. Mit einigen Litern Wasser ging es los, da ich nicht wirklich wusste, wie es mit Wasser auf dem Abschnitt aussah. Ich wusste nur von einem Fluss, der zuverlässig Wasser führt. Es fing schon ziemlich anstrengend an. Die Straße war sehr sandig und ich musste ständig absteigen und schieben. Demotiviert schaffte ich am ersten Tag gerade mal etwas mehr als 30km. Mehrmals dachte ich darüber nach umzudrehen, doch ich blieb stur. Am zweiten Tage wurde die Straße auch zunächst besser, um dann richtig beschissen zu werden. Starker Regen hatte regelrecht einen Canyon in die Straße erodiert. Mit meinem Rad konnte ich noch hindurch, während für die meisten Autos wohl hier Schluss gewesen wäre. Ein wenig später konnte ich schon den Fluss sehen, der in einem recht tiefen Canyon lag. Doch auf dem Weg dort runter verschwand die Straße plötzlich komplett. Vor mir tat sich ein einige Meter langes und breites Loch auf, wo die Straße einfach weggesackt war. Vermutlich auch durch Regen.  Ich wollte noch nicht so recht glauben, dass hier Schluss ist für mich, doch es war unmöglich mein Rad an dem Loch vorbeizuschieben. In einem letzten Versuch der Hoffnung, lief ich ein oder zwei Kilometer am Rand des Canyons entlang. Doch die Straße war gleich an mehreren Punkten, entweder abgerutscht oder von Hangrutschungen blockiert. Meine letzte Idee mein Rad und das Gepäck separat den sehr sehr steil Hang runterzutragen, hätte dadurch Ewigkeiten gedauert und wäre auch nicht gerade ungefährlich gewesen. Außerdem hatte ich keine Ahnung wie es auf der anderen Seite aussah. Enttäuscht und demotiviert startete ich zurück.

Ich passierte eine kleine Kreuzung, von wo aus ich auf eine Parallelstraße gekommen wäre, auch eine Schotterpiste, doch ich hatte keine Ahnung, wie dort die Wassersituation aussah und ich hatte sowieso kaum noch Wasser. Außerdem hatte ich genug von Schotter bzw. Sand. Immerhin ging es nun mehr bergab und ich kam am gleichen Tag zurück zur asphaltierten Straße. Die 240km Umweg schaffte ich dank eines starken Rückenwind immerhin locker in zwei Tagen, wodurch ich interessanterweise keine Zeit verloren hatte.

 

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Sturm im Anflug

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Das Ende für die meisten Autos…

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…und letztendlich auch für mich.

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Ölfelder

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Das scheint ein Tradition hier zu sein. Plastikflaschen gefüllt mit Wasser stapeln sich an Gedenkstätten neben der Straße.

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Ich hatte keine Lust auf die Großstadt Mendoza, weswegen ich schon vor der Stadt nach Westen abbog. Mein erster höherer Andenpass lag vor mir, der El Paso de los Libertadores. Das erste Stück bis zu dem kleinen Ort Upsallata war ziemlich gefährlich. Der Pass ist die wichtigste Verbindung zwischen Argentinien und Chile, so liegt auf der einen Seite Chiles Hauptstadt Santiago und auf der anderen Seite Mendoza. Dementsprechend viel Verkehr herrscht auf der Straße. Vor allem einige kurze aber enge Tunnel machen es für Fahrradfahrer kompliziert. Ich wartete jedes Mal auf eine Lücke im Verkehr und fuhr dann schnell möglich hindurch. Nach Upsallata wurde es zum Glück besser. Es war langsamer Anstieg und überhaupt nicht steil bis zum Basiscamp des Aconcagua auf 2900m. Der Berg ist mit 6962m der höchste Gipfel in Südamerika und der Höchste außerhalb Asiens. Am nächsten Morgen verschwanden alle Wolken und ich hatte einen perfekt Blick auf den Gipfel während die Sonne um mich herum aufging.

Danach fing die eigentliche Arbeit an. Auf einer Höhe von 3100 führt sämtlicher Verkehr durch einen langen Tunnel auf die chilenische Seite. Dieser war natürlich nicht befahrbar für Fahrradfahrer.Klar, ich hätte trampen können, doch die alte Passstraße versprach eine schönere Aussicht als ein dunkler Tunnel. Allerdings ging es über etliche Serpentinen und 10km Schotter steil auf 3800 hinauf und auf den letzten Höhenmeter machte sich auch erstmals die Höhe leicht bemerkbar. Gegen Mittag erreichte ich schließlich die vier Tonnen schwere bronzene Christusstatue am Hochpunkt des Passes. Zufällig war es das 122jährige Jubiläum der Statue, so fanden sich dort  etliche Argentinier und Chilenen für eine Feier ein. Ich war erst überrascht von den vielen Menschen, so hatte ich eigentlich damit gerechnet, der einzige dort oben zu sein.

Auf der anderen Seite ging es um einiges steiler und über noch mehr Serpentinen wieder bergab. An der Grenzkontrolle musste ich schließlich alle meine Sachen auspacken, da man keine frischen Lebensmittel mit nach Chile nehmen darf. Sogar Hunde schnüffelten sämtliches Gepäck ab. Letztendlich fanden sich nichts und ich durfte weiter runter nach Los Andes rollen.

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El puente de Inca. Heiße Quellen formten diese Felsen.

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Sonnenaufgang am Aconcagua

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Eis. Es war eine kalte Nacht auf fast 3000m Höhe.

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Zahllose Serpentinen

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Am höchsten Punkt vom El Paso de los Libertadores

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Bergab machte es schon richtig Spaß über diese Serpentinen

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